Dschungel mit Stacheldrahtzaun
Anke Schwarzer (2004/5)
*Sie fühlen sich behandelt wie Waren vor der Verschiffung. Die Kampagne
NoLager, von Flüchtlingen mit initiiert, setzt Zeichen gegen ihre
menschenunwürdige Unterbringung.*
Adjoh Akapko streckt einen blauen Putzeimer in die Luft und schlägt mit
einem Stock dagegen. Auf ihrem Rücken schläft, eingewickelt in ein Tuch,
ein Baby. Neben ihr stehen noch andere Flüchtlinge und trommeln auf
Plastikfässern und Blechdosen. �Abschiebelager! Jedes Lager ist eines zu
viel�, skandieren sie vor dem Tor des Flüchtlingsheims Zapel in
Mecklenburg-Vorpommern. Hinein dürfen die knapp 150 Aktivisten nicht,
der Landkreis Parchim hat wegen der Proteste ein generelles
Besuchsverbot erteilt. Auch das Arte-Fernsehteam muss draußen bleiben.
Direkt vor der kleinen Demonstration haben sich Polizisten in
Kampfanzügen postiert.
Die Flüchtlinge fordern die Schließung der entlegenen Unterkunft, die
mit rostigem Stacheldraht umzäunt ist. Sie liegt mitten im Wald,
zwischen Buchen, Birken und einer überwucherten Raketenstation der
Nationalen Volksarmee. In den ehemaligen Kasernen leben 200 Männer,
Frauen und Kinder. Bis zur nächsten Ortschaft müssen sie acht Kilometer
durch den Wald gehen. Der Bus fährt nur ein, zwei Mal am Tag. "Alle
müssen den weiten Weg gehen, egal ob die Sonne scheint oder Schnee
liegt", erzählt Eyram Koukouvi Amouzou. Auch Gehbehinderte wohnen hier.
"Ich habe es noch nie erlebt, dass ein Antrag auf Verlegung in eine
andere Stadt genehmigt wurde", so der junge Asylbewerber aus Togo.
Keine Beratung, ständig Repression
"Wir werden behandelt, als seien wir Waren, die darauf warten,
verschifft zu werden", sagt Chukwudi Akubou in das Megaphon. Er ist aus
Nigeria geflohen und lebt seit elf Jahren in Heimen. Ende Oktober wurde
er von zehn jungen Männern in Parchim krankenhausreif geprügelt. Und als
wäre das nicht genug, droht ihm jetzt noch die Abschiebung. "Die Leute
hier fühlen sich verlassen, es gibt keinerlei Beratung, dafür ständig
Repression der Heimleitung und Druck von den Behörden", sagt er.
Den Toilettenraum und die wenigen Duschen müssen Frauen und Männer
gemeinsam benutzen, es gibt Duschvorhänge, aber keine abgetrennten Räume
oder Kabinen. Einige Bewohner beschweren sich über geöffnete
Anwaltspost, über verspätet abgegebene Briefe. Ärzte würden nicht sofort
gerufen und das Heimpersonal mache aus seiner ausländerfeindlichen
Haltung keinen Hehl, berichten sie. Die abgeriegelten Hallen und
Container auf dem Militärgelände beunruhigten viele. "Es ist wie in
einem Gefängnis, jede Stunde patrouillieren zwei Wachleute durch die
drei Gebäude", sagt Amouzou.
Die Klagen über das "Dschungelheim" - ein Behördenjargon, den die
Flüchtlinge übernommen haben - reißen nicht ab. Seit vielen Jahren
protestieren sie gegen ihre menschenunwürdige Behandlung, einige Heime
in Mecklenburg-Vorpommern sind bereits geschlossen worden. In diesem
Sommer wurden die Heimbewohner bei ihren Protesten von der
"Anti-Lager-Tour" unterstützt, die Anfang September auch Station in
Crivitz, in der Nähe des Lagers Zapel, machte.
Während Bundesinnenminister Otto Schily im Sommer Flüchtlingslager in
der nordafrikanischen Wüste propagierte, durchquerten die Aktivisten der
"Anti-Lager-Tour" 17 Tage lang mit Reisebussen und Autos
Norddeutschland, um verschiedene Flüchtlingsunterkünfte aufzusuchen. Mit
Camps, Demonstrationen, Musik, Handzeitungen und kleinen Theaterstücken
erregten die Aktivisten große Aufmerksamkeit. Durchgehend dabei waren
laut Veranstalter rund 50 Leute, insgesamt haben sich an den
verschiedenen Orten zwischen 1500 und 2000 Menschen beteiligt.
Die großen Anstrengungen
Die erste Station war das so genannte Ausreisezentrum Bramsche-Hesepe in
Niedersachen (siehe Kasten), in dem rund 550 Menschen in völliger
Isolation untergebracht sind. Selbst den Kindern ist der Kontakt mit der
einheimischen Bevölkerung genommen: Kürzlich wurde für sie eine eigene
Lagerschule eingerichtet. An acht weiteren Orten wurde während der Tour
ebenfalls demonstriert, etwa vor dem Abschiebegefängnis
Hannover-Langenhagen und der Zentralen Aufnahmestelle (ZAST)
Eisenhüttenstatt.
Ziel der Kampagne "NoLager" ist es nicht nur, gegen die einzelnen
Unterkünfte zu protestieren, sondern das Lagersystem als eine extreme
Form gesellschaftlicher Ausgrenzung von Menschen ohne deutschen Pass zu
thematisieren. Flüchtlinge werden von der übrigen Bevölkerung isoliert,
die schäbige Unterbringung stigmatisiert sie und produziert ständig neue
Erfahrungen von Degradierung und Demütigung. "Die Deutschen sollen
wissen, dass es solche Orte für Ausländer gibt", sagt ein Flüchtling aus
Potsdam.
"Die große Beteiligung von Flüchtlingsinitiativen an der Planung und
Durchführung war das Besondere an der Tour. Rund die Hälfte der
Aktivisten sind Flüchtlinge und Migranten", sagt Martin Kühn aus Bremen,
der in der bundesweiten Vorbereitungsgruppe mitgearbeitet hat. Doch was
für deutsche Aktivisten selbstverständlich ist, bedeutet für Flüchtlinge
oft eine große Anstrengung: Da sie sich wegen der so genannten
Residenzpflicht nicht frei in Deutschland bewegen dürfen, müssen sie mit
hohen Geldstrafen rechnen, falls sie auf der Fahrt zu einem
Vorbereitungstreffen von der Polizei kontrolliert werden. "Ein großes
Problem für uns sind auch die Fahrtkosten", erzählt Akubou. Den meisten
Asylsuchenden ist es verboten zu arbeiten, und für den
Lebensmitteleinkauf erhalten sie Gutscheine. Viele müssen mit 40 Euro
Bargeld im Monat auskommen. Damit Flüchtlinge trotzdem an den Protesten
teilnehmen können, haben Aktivisten mit deutschem Pass Geld
vorgestreckt, Spenden gesammelt und kleine Finanzspritzen von der
Flüchtlingsorganisation Pro Asyl und der Hans-Böckler-Stiftung des DGB
erhalten. Doch noch immer gibt es ein Minus von 12000 Euro in der
Aktionskasse.
Die Aktivisten machen trotzdem weiter. Sie sind sich sicher: Nur mit
Widerstand und Selbstorganisation lässt sich die entwürdigende
Behandlung stoppen. "Hätten wir nicht jahrelang auf die Missstände
hingewiesen, wäre so manches Dschungelheim in Mecklenburg-Vorpommern
nicht geschlossen worden", sagt Akubou. Auch die Unterkunft in Zapel
soll nun endlich dicht gemacht werden. Die Bewohner werden bis Anfang
nächsten Jahres in ein neues Heim umziehen. Der Pastor aus Crivitz,
Rainer Höpfner, der den Asylsuchenden Fahrräder bereitgestellt hat, und
Bärbel Zia, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrats Mecklenburg-Vorpommern
kritisieren allerdings, dass die Flüchtlinge wieder in ein großes Heim
und nicht in kleinen Gruppen auf die vielen leer stehenden Häuser
verteilt werden. "Es ist politisch nicht gewollt, dass sich Asylbewerber
integrieren und sich wohl fühlen", so Höpfner.
www.nolager.de <http://www.nolager.de>
*Steuerlich absetzbare Spenden bitte an: Arbeitskreis Asyl, Sparkasse
Göttingen, BLZ: 26050001, Konto-Nr.: 130450, Stichwort: Anti-Lager-Tour*
Zwischen Container, Kaserne und Haus
Rund sieben Millionen der zwölf Millionen Flüchtlinge und Asylsuchenden
weltweit leben bereits* länger als zehn Jahre* in Lagern, ohne dass sich
eine dauerhafte Perspektive für sie abzeichnet. Darauf hat die
Flüchtlingsorganisation U.S. Committee for Refugees im Juli 2004
hingewiesen. Etwa 500000 Asylsuchende, laut der Organisation Pro Asyl,
leben hierzulande in Gemeinschaftsunterkünften. Das System der Lager ist
vielschichtig. Allein in Deutschland lassen sich neben den
Abschiebegefängnissen drei Typen unterscheiden: Flüchtlinge, die einen
Asylantrag stellen, werden zunächst für etwa drei Monate in einer
Zentralen Aufnahmestelle (ZAST) untergebracht.
Normalerweise erfolgt für die gesamte Dauer des Asylverfahrens die
Unterbringung in so genannten Gemeinschaftsunterkünften. Dies können
Wohnhäuser sein, *große Containerlager oder ehemalige Kasernenkomplexe
*für mehrere hundert Menschen.
In so genannten Ausreisezentren werden Menschen eingewiesen, die zwar
ausreisepflichtig sind, die jedoch mangels gültiger Ausweispapiere nicht
abgeschoben werden können. *Mit ständigen Befragungen*, Sprachtests,
Botschaftsvorführungen, Zimmerdurchsuchungen und Anwesenheitskontrollen
wollen die Behörden die Flüchtlinge dazu bringen, das Land zu verlassen.
/ASR/
Aus: Verdi- Zeitung VER.DI PUBLIK Dezember 2004 -Januar 2005
