Arg abgeschieden

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Mit dem Umzug der Flüchtlingsunterkunft Tramm-Zapel
schließt eines der letzten Dschungelheime in
Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Weg in die Stadt wurde
gegen die Heimleitung protestiert

Aus Tramm-Zapel Anke Schwarzer (2004)

Zwischen Birken, Buchen und einer überwucherten
Raketenstation liegt die Flüchtlingsunterkunft
Tramm-Zapel. Auf dem ehemaligen Kasernengelände der
Nationalen Volksarmee lebten bis gestern rund 200
Männer, Frauen und Kinder aus Algerien, Togo, Armenien
und anderen Ländern hinter Stacheldrahtzaun. Die
nächste Ortschaft liegt acht Kilometer entfernt. Der
Bus fährt nur ein, zwei Mal am Tag. "Wir kommen aus
dem Dschungel, wo wir viele Jahre lang mit wilden
Tieren gelebt haben - getrennt von Menschen,
ausgeschlossen von der Gesellschaft, diskriminiert von
den Behörden", sagt ein junger Asylbewerber aus Togo.

Am Mittwoch begann der dreitägige Umzug des
"Dschungelheims" in die Kreisstadt Parchim. Nach
jahrelangen Protesten von Flüchtlingen hatte der
Landkreis dort eine neue Unterkunft von einem privaten
Investor bauen lassen. Außerdem hat das
Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns bereits vor
vier Jahren eine Richtlinie herausgegeben, nach der es
nur noch Unterkünfte geben soll, die in Ortschaften
liegen. Vorgesehen ist darin auch die Vermittlung von
Grundkenntnissen der deutschen Sprache sowie soziale
Betreuung, die nachbarschaftliche Beziehungen zur
einheimischen Bevölkerung fördern soll.

Im vergangenen Jahr sind fünf Heime geschlossen
worden, weil sie nicht den Anforderungen entsprachen,
und acht weitere Unterkünfte mit insgesamt 810 Plätzen
bis Sommer dieses Jahres. Die Flüchtlingsheime in
Bellin bei Ueckermünde und Tramm-Zapel seien nun die
letzten abgelegenen Unterkünfte, die geschlossen
werden, so der Leiter des Landesamts für Asyl- und
Flüchtlingsangelegenheiten Mecklenburg Vorpommern,
Wolf-Christoph Trzeba.

Der Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern sieht das
anders. "Es gibt immer noch Häuser, bei denen man
nicht von einer menschenwürdigen Unterkunft sprechen
kann", sagt Brigit Witte vom Vorstand des
Flüchtlingsrats. In Retschow bei Bad Doberan etwa
lebten Flüchtlinge weiterhin mitten im Wald,
abgeschieden sei auch die Ernst-Thälmann-Siedlung bei
Malchow.

Viele Flüchtlinge aus Tramm-Zapel, die dort zum Teil
bis zu sieben Jahren verbracht haben, sind nun
erleichtert. Ärger aber bleibt. Auch in Parchim müssen
sich vier Personen ein 24 Quadratmeter großes Zimmer
teilen. Außerdem gab es keine Ausschreibung und damit
auch keinen Wechsel der Heimleitung.

"Senst muss weg!" stand auf Pappschildern, die einige
Flüchtlinge während des Umzugs, der von einem großen
Polizeiaufgebot begleitet wurde, hochhielten. In einem
offenen Brief an das Innenministerium protestierten 91
Flüchtlinge gegen den Heimleiter Werner Senst. Sie
werfen ihm die Verletzung des Postgeheimnisses vor.
Mit psychischem Druck, Überwachung und Missachtung der
Privatsphäre erzeuge er ein Klima der Angst, so die
Flüchtlinge. Senst hat mittlerweile Anzeige wegen
Beleidigung und Verdachts auf übler Nachrede und
Verleumdung gegen vier Personen gestellt, Ermittlungen
der Staatsanwaltschaft Schwerin sind eingeleitet.

taz Nord Nr. 7543 vom 18.12.2004