Lager machen Asylanten krank
Kai Schöneberg (2004)
Studie: Asylsuchende leiden in deutschen Sammelunterkünften
unter Kopfschmerzen, Herzbeschwerden oder Lethargie. Im Visier
der Kritiker: das Abschiebelager in Bramsche
HANNOVER taz Sie flüchten vor Krieg, Not oder Verfolgung - deutsche
Flüchtlingslager machen sie systematisch krank. Dies ist das Fazit einer
Studie über die gesundheitliche Situation von Flüchtlingen in der Region
Osnabrück, die "typisch für Asylsuchende in Deutschland überhaupt ist",
wie die Verfasserin Birgit Behrensen von der Uni Osnabrück gestern nicht
müde wurde zu betonen.
"Je weniger Möglichkeiten für selbstbestimmtes Leben es gibt, desto
häufiger sind die Flüchtlinge krank", sagte Behrensen gestern auf einer
Podiumsdiskussion im Rahmen des EU-Projekts "Spuk - Sprache und Kultur:
Grundlagen einer effektiven Gesundheitsversorgung" in der Ärztekammer in
Hannover.
Laut Behrensen "nehmen die Probleme mit der Größe der Anlage zu". Das
hat sie bei Interviews mit Bewohnern des vielfach kritisierten
Abschiebelagers in Bramsche-Hesepe herausgefunden. Die häufig
traumatisierten Flüchtlinge hätten in der ehemaligen Kaserne das "Gefühl
der Kontrolle und totalen Abgeschnittenheit". Ein Asylant erzählte: "Das
Essen ist für Tiere, nicht für Menschen." Die zentrale Essensversorgung
in der Sammelunterkunft werde als "entmündigend" empfunden, sagte
Behrensen. Zudem erlebten die Flüchtlinge die Ausgabe von
Lebensmittelgutscheinen statt Bargeld als "demütigend und persönlich
verheerend". In der mit etwa 500 Asylanten größten Anlage ihrer Art in
Deutschland würden die Flüchtlinge zudem "keine Kompetenzen erwerben, um
sich in die Gesellschaft zu integrieren". Die Ausreise, die bei den
angeblich mit Schikanen versetzten Beratungen im Lager immer wieder
angesprochen werde, führe weiter zu "einer Spirale der Angst", sagte
Behrensen. Und zur Krankheit, wie die Studie beweist: Die Liste reicht
von Kopfschmerzen, Herzbeschwerden bis hin zu völliger Lethargie.
"Ich finde meine Dienststelle in der Untersuchung nicht wieder", sagte
dazu Conrad Bramm, der Leiter des Aufnahmelagers. Die Versorgung in
Bramsche sei "deutlich besser als bei dezentraler Unterbringung" in von
Kommunen bereitgestellten Wohnungen. Genau das ist äußerst umstritten.
Die so genannte "Einzelunterbringung" sei nicht nur viel günstiger,
sondern auch humaner, sagte die Grüne Migrationsexpertin Georgia
Langhans, die im Landtag bereits gefordert hatte, Bramsche zu schließen.
"Es entsteht hier der Eindruck, dass wir alle Flüchtlinge in
Großeinrichtungen unterbringen", entgegnete Herbert Jelit, der sich im
niedersächsischen Innenministerium um die Aufnahmelager in Bramsche,
Oldenburg und Braunschweig kümmert. Nur Flüchtlinge, deren Antrag
voraussichtlich keine Aussicht auf Erfolg habe, kämen dorthin. Deshalb
hätten auch die Tschetschenen, die sich mehrfach über die unhaltbaren
Zustände beschwert hatten (/taz /berichtete), "in Bramsche mit seinem
Rückführungsansatz nichts zu suchen" gehabt.
taz Nord Nr. 7506 vom 5.11.2004
