"Man versucht, die Zeit zu vergessen"

Erfahrungen eines Togoischen Flüchtlings
Aus dem ‚Dschungelheim‘ Tramm

Watara Aourfohaus Togo lebt seit
Februar 1997 mitten im Wald in der
Gemeinschaftsunterkunft Tramm/
Mecklenburg-Vorpommern. 8 Jahre lang
hat sein Asylverfahren gedauert. Die
letzte mündliche Verhandlung liegt vier
Jahre zurück. Vor kurzem hat er die
Aufforderung erhalten, binnen vier
Wochen Deutschland zu verlassen. Wir
haben mit Watara Aourfoh über seine
Erfahrungen im Lager gesprochen.

Was bedeutet es für dich, in Tramm zu
leben?

Das Leben innerhalb des Lagers ist
die Hölle.Man kann in Tramm nicht
wirklich leben, man kann nur überleben.
Für mich ist es eine psychologische
Bestrafung, so lange ohne jede
Perspektive in Tramm gewesen zu
sein. Zur Zeit kann ich mich nur
noch mit antidepressiven Medikamenten
über Wasser halten.

Kannst du das etwas genauer
beschreiben?

Es ist nur schwer vorstellbar, was es
heißt, 8 Jahre ausgegrenzt zu sein.
Man ist auf sich alleine gestellt, ohne
psychologische Betreuung, ohne Informationen,
ohne Integrationshilfen
- mitten in Deutschland.Wenn man
zum Arzt muss oder ein Brötchen
kaufen möchte, muss man 8 Kilometer
laufen, egal ob es Winter oder
Sommer ist, ob es regnet oder die
Sonne scheint. Hinzu kommt die
Angst im Wald: Viele von uns - auch
ich - sind bereits mehrere Male von
Deutschen im Wald angegriffen
worden.

Wie sieht ein normaler Tag in Tramm aus?

Jeder Tag ist gleich. Viele Leute liegen
bis mittags im Bett, weil es sowieso
nichts zu tun gibt. Es gibt keine Perspektive,
deshalb versucht man, die
eigenen Gedanken zu unterdrücken.
Viele von uns sind depressiv oder
haben Alkoholprobleme.Wir versuchen,
Auseinandersetzungen aus dem
Weg zu gehen. Denn jede Kleinigkeit
kann die Situation nur noch schlimmer
machen.

Spürt man in Tramm noch die Zeit?

Wenn man morgens aufsteht, sieht
man überall Zaun und Wald. Die eigenen
Gedanken sind dadurch begrenzt.
Man versucht, nicht an die
kommende oder die vergangene Zeit
zu denken, man versucht einfach, die
Zeit zu vergessen und zu hoffen, dass
sich etwas verändert. Tramm ist
schlimmer als ein Gefängnis.

Warum?

Im Gefängnis weiß man wenigstens,
warum man eingesperrt ist. Aber ich
als Flüchtling, der mit mehreren
Kugeln im Bein geflüchtet ist, hätte
nicht gedacht, dass ich als Ratte in
totaler Vergessenheit landen würde,
dass ich ständig Angst vor der
Abschiebung und vor dem Terror der
Heimleitung haben müsste.

Wie sieht deine aktuelle Situation aus?

Nach 8 Jahren Warten habe ich plötzlich
den Bescheid bekommen, innerhalb
von 4 Wochen ausreisen zu
müssen. Ich kann das nicht begreifen.
Ich habe immer versucht, ein guter
Flüchtling zu sein. Allein der
Gedanke, nach Togo zurück zu müssen,
ist Folter. Lieber bin ich tot!

Was meinst du mit »guter Flüchtling«?

1997 habe ich zusammen mit anderen
Flüchtlingen einen Brief an den
Innenminister geschrieben. Als einzige
Antwort haben wir verschärften
Druck von den Behörden gespürt. In
dieser Zeit hat sich die Angst in mir
eingenistet. Ich habe nicht mehr versucht,
meine Rechte einzufordern.
Denn wann immer ein Flüchtling
etwas verlangt, droht ihm die
Abschiebung. Dieses jahrelange Still-
Halten hatte nichts mit meinen
eigentlichen Überzeugungen zu tun!

Danke Watara. Wir hoffen, dass wir gemeinsam
ein Bleiberecht für dich erkämpfen
können!

Aus: Zeitung der Anti-Lager-action-Tour 2004