Anti-Lager-Action-Tour: Infos zu Neuss (2004)
In Neuss (NRW) befindet sich seit 1993 der bundesweit einzige Frauen-Abschiebeknast. Der Knast liegt mitten in der Neusser Innenstadt in einer ruhigen Wohnstraße und wird kaschiert durch eine unauffällige Fassade. In dem Knast sind momentan zwischen 60 bis 80 Frauen eingesperrt. Der einzige Grund für die Inhaftierung der Frauen ist die Tatsache, dass sie in die BRD migriert sind.
Es gibt unzählige Gründe, die Frauen dazu bewegen, ihre Herkunftsländer zu verlassen: Frauen fliehen vor Genitalverstümmelung, Zwangsprostitution, Zwangsverheiratung. Sie entschließen sich zur Migration, weil sie in ihrem Herkunftsland keine Chance auf Bildung oder Ausbildung haben. Frauen entscheiden sich zur Flucht, weil sie als Lesben oder als Angehörige einer ethnischen oder religiösen Minderheit verfolgt werden. Sie werden als politische Aktivistinnen verfolgt und müssen ihr Land verlassen. Frauen treffen die Entscheidung zur Migration, weil sie in ihrem Land keine Möglichkeit sehen, genügend Geld zu verdienen. Sie migrieren, weil sie sich nicht in die vorgeschriebenen Frauenrollen pressen lassen wollen. Frauen fliehen vor Kriegen, vor den Folgen der Kolonialisierung. Sie werden vertrieben, sie entfliehen der gezielten Zerstörung ihrer wirtschaftlichen und ökologischen Lebensgrundlagen.
Die ständige Bedrohung durch Abschiebung ist Alltagsrealität für viele Flüchtlinge und Migrantinnen. Tagtäglich werden Frauen aus der BRD abgeschoben in Länder, in denen sie nicht leben wollen oder in denen sie nicht leben können
Nur wenige Flüchtlinge können so viele detaillierte Beweise für ihre Verfolgung vorlegen, dass die EntscheiderInnen diese gut genug für eine Asylanerkennung befinden. Viele Frauen wissen das und migrieren auf anderen Wegen in die BRD.
Circa 1,5 Millionen Menschen leben zur Zeit in der BRD in einem Zustand der Illegalisierung, d.h. ohne gültigen Aufenthaltstitel und damit nahezu ohne Rechte. Die große Mehrheit unter ihnen sind Frauen. Viele von ihnen leben und arbeiten schon seit Jahren ohne Papiere und organisieren sich ihr Leben in eigenen Communities. Sie arbeiten hier in der Sexindustrie, in Haushalten oder in der Gastronomie, und immer in prekären Lohn- und Arbeitsverhältnissen. Über 70 Prozent der Frauen, die im Abschiebeknast Neuss eingesperrt sind, wurden bei Razzien in Bordellen aufgegriffen. Denn gerade in Bordellen werden die meisten Kontrollen durchgeführt. Die überwiegende Mehrheit von Frauen ohne Papiere arbeitet allerdings in gutbürgerlichen bundesdeutschen Haushalten, als Hausarbeiterinnen, in der Kinderbetreuung, als Putzhilfe, in der Pflege. Die bundesdeutsche Gesellschaft profitiert von ihnen. Denn Menschen per definitionem zu illegalisieren, bedeutet unter anderem, sie für den Arbeitsmarkt extrem gut ausbeutbar zu machen und sich damit ein frei verfügbares, unsichtbares und entrechtetes Potential an ungeheuer billigen Arbeitskräften zu schaffen.
