Anti-Lager-Action-Tour: Infos zu Parchim-Tramm / Mecklenburg-Vorpommern (2004)
Die Gemeinschaftsunterkunft Tramm/Zapel im Landkreis Parchim gehört zur Gruppe der berühmt berüchtigten "Dschungelheime" im SPD/PDS-regierten Mecklenburg Vorpommern. Das ursprünglich aus dem Behördenjargon stammende und mittlerweile von Flüchtlingen kritisch aufgegriffene Bild des "Dschungelheims" bringt die Situation in Tramm absolut treffend auf den Punkt: Isoliert mitten im Wald leben dort in drei heruntergekommenen Wohnblöcken einer früheren NVA-Kaserne über 200 Flüchtlinge - die Mehrheit von ihnen aus afrikanischen Ländern. Das gesamte Lager (inklusive eingestürtzter Hallen und Bunkeranlagen) ist videoüberwacht und von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Ein angeketteter Schäferhund ‚begrüsst‘ die Ankommenden; der Sicherheitsdienst kontrolliert das Geschehen rund um die Uhr. Die Personalien von BesucherInnen werden systematisch festgehalten. Der nächst gelegene Ort mit Einkaufsmöglichkeiten ist das 9 km entfernte Crivitz. Für den einmal (bzw. in Schulzeiten zweimal) täglich verkehrenden Linienbus reicht das Geld meist nicht aus; insbesondere im Winter macht das die Situation äußerst prekär.
Bereits Mitte der 1990-er Jahre sind die katastrophalen Zustände in Tramm ins Rampenlicht der Öffentlichkeit geraten. Nicht nur in der lokalen Presse ist damals die Rede von "schockierenden Zuständen" gewesen. So gab es etwa in den ersten Jahren noch nicht einmal warmes fließendes Wasser in Tramm; die damalige Großküchenverpflegung soll ebenfalls jeder Beschreibung gespottet haben.
Auch wenn einige der ärgsten Misstände durch Druck seitens der betroffenen Flüchtlinge und einiger weniger UnterstützerInnen aufgehoben werden konnten, die Grundproblematik ist geblieben: Die Menschen in Tramm leben in weitgehender sozialer Isolation. Sie sind zur Passivität verurteilt, äußere Stimulation gibt es kaum, die Chancen auf Integration sind minimal. Der psychische und physische Druck ist dementsprechend hoch. Auf einem Protestplakat aus dem vergangenen Jahr heißt es deshalb pointiert: "Ich habe genug vom Wald, weil ich kein Tier bin."
Bereits seit Beginn des Jahres 2004 setzt sich ein Großteil der BewohnerInnen der Gemeinschaftsunterkunft Tramm geschlossen zur Wehr. Sie fordern die sofortige Schließung des Lagers und ihre Verlegung in die Kleinstadt Parchim. Die auch im Lager selbst erfolgenden Proteste - z.B. wurden anonym an mehreren Stellen Wandbilder angebracht - haben bereits zu Ermittlungen der Polizei geführt. Vorbild ist der erfolgreiche Protest der BewohnerInnen des ebenfalls im Landkreis Parchim gelegenen zweiten "Dschungelheims" Peeschen. Nach jahrelangen Protesten unter maßgeblicher Beteiligung des bekannten Nigerianischen Menschenrechtsaktivisten Akubuo A. Chukwudi ist es diesen gelungen, ihre Verlegung nach Parchim durchzusetzen.
Die Erfahrungen mit Peeschen zeigen allerdings auch, wie schwierig es sein wird, die zuständigen Behörden in Parchim tatsächlich zur Schließung von Tramm bewegen zu können. Denn eigentlich sollten die "Dschungelheime" im Landkreis Parchim schon lange geschlossen sein: Bereits seit 2001 liegt eine Verordnung des Schweriner Innenministeriums vor, wonach Gemeinschaftsunterkünfte "nur in oder im Anschluss an einen im Zusammenhang bebauten Ortsteil eingerichtet werden" dürfen. In diesem Sinne heißt es aus Schwerin (wie schon so oft), dass mit der Gemeinschaftsunterkunft Tramm Ende 2004 endgültig Schluss sein müsse. Die für ihren rigorosen Kurs einschlägig bekannten Behörden in Parchim scheinen indessen, nicht auf Eile zu setzen. Bislang ist noch nicht einmal mit dem Um- oder Neubau eines geeigneten Gebäudes begonnen worden.
An der Vorbereitung der Anti-Lager-Action-Tour sind zahlreiche Flüchtlinge aus Tramm beteiligt. Das Ziel der Tour in Mecklenburg Vorpommern wird es sein, den Forderungen der Flüchtlinge im Landkreis Parchim nachhaltig Gehör zu verschaffen.
