Tausende afrikanische Flüchtlinge ertrunken?

Ralph Schulze/Madrid (2006)

Die zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln sind seit Monaten
bevorzugtes Ziel afrikanischer Flüchtlinge. Die illegale Immigration
von Mauretanien aus fordert aber anscheinend weit mehr Tote, als
bisher bekannt wurde.

Nach Schätzungen der spanischen Grenzpolizei ist davon auszugehen, dass
allein im vergangenen halben Jahr Tausende von Afrikanern auf dem
Wasserweg nach Europa ertranken. In einer internen Lageeinschätzung der
iberischen Sicherheitsbehörden heisst es, dass nur jeder zweite bis
dritte jener Flüchtlinge, die vom westafrikanischen Mauretanien aus mit
kleinen Booten Richtung Kanarische Inseln aufbrechen, auch dort
ankommen.

Seit Januar wurden an den Küsten der zu Spanien gehörenden kanarischen
Ferieninseln im Atlantik mehr als 3500 illegale Immigranten lebend
aufgefischt – die meisten waren von Mauretanien aus in See gestochen.
Nach der Einschätzung der Küstenwache ist entsprechend diesen Zahlen
davon auszugehen, dass seit Jahresbeginn zwischen 7000 und 10 000
Flüchtlinge auf der gefährlichen Überfahrt von Mauretanien zu den
Kanaren
starben.
Kommt nur jeder Zweite an?

Diese Angaben decken sich mit Schätzungen mauretanischer
Hilfsorganisationen, wonach nur etwa jeder zweite Flüchtling ankomme.
Zwar wäre es mittels Aufklärungssatelliten und Überwachungsflugzeugen
kein Problem, alle Flüchtlingsschiffe schon bei ihrer Abfahrt von der
mauretanischen Küste zu erfassen und zu überwachen, heisst es in
spanischen Armeekreisen. Doch Mauretaniens Militär hat dazu zweifellos
nicht die Mittel, und Spaniens Sicherheitsbehörden fühlen sich erst
zuständig, wenn die Flüchtlinge tatsächlich spanische Hoheitsgewässer
erreichen. Vermutlich könnte nur eine internationale humanitäre Mission
die lautlose Tragödie auf dem Atlantik stoppen.
Überfüllte Auffanglager

Auf den Kanarischen Inseln platzen derweil die Auffanglager aus allen
Nähten. Etliche Flüchtlinge wurden auch in Armeekasernen untergebracht.
Die spanische Regierung droht den illegalen Einwanderern, die
überwiegend aus den mauretanischen Nachbarstaaten Senegal und Mali
stammen, zwar mit Rückführung. Doch dies ist leichter gesagt als getan.
Wenn die Nationalität der Flüchtlinge, die in der Regel ohne Papiere
kommen, nicht einwandfrei festgestellt werden kann, ist eine zügige
Abschiebung kaum möglich.

Für die afrikanischen Ankömmlinge arbeitet zudem die Zeit. Denn nach
spätestens vierzig Tagen müssen sie laut spanischem Recht aus den
Internierungs- und Abschiebelagern in die Freiheit entlassen werden –
auch wenn gegen sie bereits eine Rückführungsanordnung vorliegt.