Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 12.05.2006 zum Abschiebelager Bramsche

Schünemann zu Gast bei Fremden

Sie haben ihn erwartet im Flüchtlingslager Bramsche. Die Querulanten, die Nervigen, die gern Terz machen, wenn ein Kamerateam in der Nähe ist. Aber auch die Ruhigen, die sich mit einer stillen Bitte an Innenminister Uwe Schünemann wenden. "Mein Sohn hat Asthma, helfen Sie uns. Lassen Sie uns hier bleiben." Es kommt nicht oft vor, daß sich ein veritabler Minister auf das weiträumige Gelände der Außenstelle Bramsche bei Osnabrück verirrt. "Zentrale Aufnahme- und Ausländerbehörde" (ZAAB) heißt die Flüchtlingsunterkunft, in der derzeit knapp 500 Menschen leben. Der Name Aufnahmebehörde ist paradox. Denn nahezu jeder, der hier in Bramsche lebt, soll Deutschland bald wieder verlassen weil er ein abgelehnter Asylbewerber ist.

Als "Abschiebelager", ja sogar als "Gefängnis" haben Flüchtlingsinitiativen die Einrichtung gegeißelt, die 1965 von den Niederländern errichtet und urpsprünglich als Kaserne konzipiert war - mit Sandsteinbauten auf einem parkähnlichen Gelände, das frei zu betreten ist. Fünf, sechs, sieben Menschen leben zuweilen in den 15 bis 30 Quadratmeter großen Zimmern, die karg eingerichtet sind. "Wir haben mit Bundeswehrbetten die besten Erfahrungen - schon aus hygienischen Gründen", sagt Lagerleiter Conrad Bramm, der den Minister übers Gelände führt.

Es ist ein streckenweise turbulenter Besuch. Denn der 31 Jahre alte Michael Yakoub-Hanu und ein paar arabische Freunde begleiten den Minister auf Schritt und Tritt - mit Bitten, Flüchen, und Beschwerden über Lagerleiter Bramm. Das geht schon in der Kantine los, in der Schünemann essen will, was heute alle bekommen: Frikadellen aus Rindfleisch mit etwas Gemüse. Nudeln, Reis oder Kartoffeln dazu, die es jeden Tag gibt. Doch Schünemann kommt nur zu den Nudeln, zu viele drängen sich um den Minister. "Sie behandeln uns wie Tiere, sie haben keinen Respekt vor uns", schimpft Yakoub, der angibt, aus Palästina zu stammen, doch dies nicht beweisen kann. "Wenn er wirklich aus Palästina käne, könnte er bleiben", meint Lagerleiter Bramm entnervt.

Der Auftritt des zornigen Mannes nervt auch den Minister. Doch er bewahrt die Contenance. Er ist hier in einer Landeseinrichtung, aber eher zu Gast bei Fremden. Er ist gekommen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, daß im Lager Bramsche alles in Ordnung ist - die Verpflegung, die medizinische Versorgung, die Unterkünfte. Es wird gut für alle gesorgt, auch wenn sich keiner hier in Bramsche allzu wohl fühlen sollte. "Die meisten hier sind dringend ausreisepflichtig", betont der Innenminister immer wieder.

Nicht wenige sind nach Monaten des Lagerlebens auch ausreisewillig. der Staat belohnt die Willigen mit Übernahme der Reisekosten und mit kleinen finanziellen Hilfen. Etwa ein Viertel der 500 verläßt im Schnitt freiwillig den einstigen Sehnsuchtsort Deutschland. In Bramsche bekommen manche der Ausreisewilligen auch eine Kurzausbildung, als Installateur etwa. Der 35 Jahre alte Nigerianer Juda Obudja hat einen Solarkocher gebaut, auf dem beim Ministerbesuch ein paar Würstchen bräunen: "Ich will wieder nach Afrika zurück", sagt der ernst blickende Mann: "Aber die Ausländerbehörden sollen mich noch etwas hier lassen - ich muß noch mehr lernen." Die angebotenen Würste bleiben auf dem Grill. "Die brauchen noch", meint der Landtagsabgeordnete Reinhold Coenen (CDU), der als Vorsitzender des Innenausschusses mitgekommen ist.

Auch eine Grundschule ist im Lager, ein geradezu idyllischer Ort. Die zwölfjährige Afra aus Syrien hat hier prima Deutsch gelernt, sie nimmt den Minister mit ihren Fragen geradezu in die Zange, Schünemann hört zu, gibt sich freundlich-väterlich-streng. Afras Familie, die viereinhalb Jahre in Holland und ein Jahr in Deutschland gelebt hat, will nicht wieder weg. "Wir sind doch Europäer", sagt sie noch. Aber der Minister ist schon weiter. Schuldirektor Henry Albowsky, ein Hüne von einem Mann, berichtet, wie erfolgreich die Sonderförderung in dieser Lagerschule laufe - "fünf unserer Schüler haben es sogar schon an die Realschule gebracht". Bestens integriert seien sie dort. "Wir gehen davon aus, daß die Kinder in Deutschland ein Bleiberecht bekommen", sagt der bärtige Pädagoge.

Mit diesem Konzept paßt er nicht ganz in das des Abschiebelagers Bramsche. Denn der Minister geht nach wie vor davon aus, daß fast alle "dringend ausreisepflichtig" sind.