Mutmaßlicher Anschlag: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 7. Juli 06

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 7. Juli 06

von Mathias Klein

Anschläge auf Lager-Mitarbeiter verübt

Bramsche in Angst / Radmuttern bei zwei Autos gelöst / Innenminister „hochgradig beunruhigt“

(Bild: Demo am 24. September 05 mit DemonstrantInnen und Polizei)

Bildunterschrift: Immer wieder demonstrieren Gegner des Flüchtlingslagers vor der früheren Kaserne und verlangen die Schließung. Die Polizei rückt dann mit Kampfanzügen an, um Mitarbeiter und Gebäude vor möglichen Gewalttaten zu schützen.

Bramsche. Unbekannte Täter haben auf den Leiter des Flüchtlingslagers Bramsche bei Osnabrück, Conrad Bramm, sowie auf einen seiner Mitarbeiter Anschläge verübt. Vier Radmuttern am rechten Hinterrad von Bramms Privatwagen seien gelockert und eine Mutter sei überdreht gewesen, berichtete der Sprecher der Osnabrücker Staatsanwaltschaft, Volker Brandt, am Donnerstag. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. „Die Angst ist hier groß“, sagte Lagerleiter Bramm. Er berichtete gestern von dem weiteren Anschlag. Beim Auto seines Mitarbeiters seien gleich drei Räder betroffen gewesen. Der Mann sei mit seiner Familie in dem Opel unterwegs gewesen, als er merkwürdige Geräusche hörte. Die Werkstatt vermutete zunächst einen Lagerschaden, entdeckte dann aber die gelockerten Radmuttern. Bramm saß in seinem Jaguar auf dem Beifahrersitz, als er laute Klappergeräusche von der Hinterachse hörte, „Meine Frau ist gefahren, etwa Tempo 140“, berichtete er. „Das war so laut, dass sie einen Hubschrauber hinter uns vermutete.“ Möglicherweise stecken hinter den Anschlägen radikale Gegner des Flüchtlingslagers. In den vergangenen Wochen hätten die Proteste gegen die Einrichtung in Bramsche massiv zugenommen, berichteten Mitarbeiter und Ermittler. Beispielsweise seien Anfang Juni Lagergegner zu den Privathäusern einer Sozialpädagogin und eines Hausmeisters gezogen. Bei deren Nachbarn hätten sie Flugblätter verteilt und die Mitarbeiter als „Schweine“ bezeichnet. Vor die Haustüren hätten sie blutgetränkten Stacheldraht gelegt. Vor rund zwei Jahren hatten Demonstranten Lagerleiter Bramm an einem Sonntagmorgen um sieben Uhr mit Tröten und Megafondurchsagen aus dem Schlaf gerissen. Vor dem Privathaus von Bramm, der auch Osnabrücker Kreisvorsitzender der FDP ist, verlangten die Protestler die Schließung des Lagers. Innenminister Uwe Schünemann zeigte sich „hochgradig beunruhigt“ von den Vorgängen in Bramsche. In einem vor wenigen Tagen an die Mitarbeiter gesandten Brief sicherte der Minister en Mitarbeitern die volle Unterstützung der Polizei zu. In dem Flüchtlingslager hat man unterdessen erste Maßnahmen ergriffen, um die Mitarbeiter vor weiteren Anschlägen zu schützen. Unter anderem werden die Autos jetzt an einem zentralen Platz abgestellt, der von Mitarbeitern und der Polizei überwacht wird. „Die Täter müssen möglichst schnell dingfest gemachter werden“, forderte der Chef der Zentralen Aufnahme- und Ausländerbehörde, Christian Lüttgau, zu der Bramsche gehört. „Die Situation ist sehr ernst“.

Kasten:

470 Menschen aus 30 Nationen

Im Flüchtlingslager Bramsche (im Amtsdeutsch: Zentrale Aufnahme- und Ausländerbehörde Osnabrück, Außenstelle Bramsche) sind zurzeit rund 470 Menschen aus 30 Nationen untergebracht. Bei fast allen von ihnen handelt es sich um rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber. „Wir helfen bei der Problematik, Deutschland zu verlassen“, sagt Lagerleiter Conrad Bramm. Das geschehe unter anderem durch Fortbildung und Qualifizierung vor allem im handwerklichen Bereich. Die Flüchtlinge bleiben jeweils zwischen 50 Tagen und zwei Jahren. Gegner haben in den vergangenen Jahren immer wieder die Schließung des Lagers verlangt Sie bezeichnen Bramsche als „Abschiebelager“, die Unterbringung in der früheren niederländischen Kaserne sei menschenunwürdig. An den Protesten beteiligten sich auch häufig Bewohner des Flüchtlingslagers.

haz@madsack.de