Dschungelheime in Mecklenburg Vorpommern

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Karawane Nord (2004)

"Wir sind keine Tiere"
In Mecklenburg-Vorpommern werden Flüchtlinge weiterhin im Wald interniert.

Seit über zehn Jahren kämpfen Flüchtlinge für die Verbesserung ihrer unerträglichen Lebenssituation im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern besonders im Landkreis Parchim. Es schien, als würden einige kleine Verbesserungen erreicht. Im Jahr 2003 verkündete die Landesregierung des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, daß die Isolierung von Flüchtlingen in den sogenannten Dschungelheimen ein Ende habe. Die Unterbringung in baufälligen Baracken oder Kasernen tief im Wald versteckt, Kilometer weit entfernt von der nächsten Ortschaft, sollte beendet werden. Das diskriminierende System der Wertgutscheine, die statt Bargeld an Flüchtlinge ausgegeben wurden, sollte ebenfalls der Vergangenheit angehören. Was die SPD/PDS Landesregierung vollmundig in der Öffenlichtkeit verbreitete, entpuppt sich als dreiste Lügen. Seit letztem Sommer warten die ca. 100 Flüchtlinge aus dem berüchtigten Dschungelheim Peeschen, welches vor allem durch die vielen Aktivitäten und Proteste des bekannten Streiter für die Menschenrechte und Aktivist der Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen, Akubuo A. Chukwudi, bekannt wurde, auf die Schließung des abrißreifen Barackenlagers. Die Wohn- und Lebenssituation im Dschungelheim Peeschen ist dazu gedacht, Menschen nachhaltig psychisch und physisch krank zu machen. Füchse, Rehe, Wildschweine und anderes Getier sind die einzigen Nachbarn. Der Regen und die Kälte dringt durch undichte Dächer und Wände in die Baracken. Immer wieder kommt es zu stundenlangen Stromausfällen. Sanitäre Anlagen und Kochgelegenheiten sind in katastrophalen Zustand. Das Leitungswasser ist eine milchige, zum Trinken und auch zum Waschen nicht geeignete, Brühe. Die Abwässer laufen offen hinter den Baracken in den Wald. Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel. Jeder Weg, zum Einkauf, zum Arzt oder zur Behörde ist eine Strapaze. Die Hoffnung für die Menschen in Peeschen, daß sich dieser Zustand nach mehr als zehn Jahren ändert, hat sich zerschlagen. Im Herbst 2003 hieß es noch, sie kämen in einen leerstehenden Plattenbau mit Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten und deutschen Nachbarn in der Nähe am Rand der Ortschaft Dabel. Doch angeblich verweigerte der Bürgermeister des Dorfes seine Zustimmung. Mitte Januar tauchten Behördenmitarbeiter im Dschungelheim Peeschen auf und teilten den Bewohnern mit innerhalb von 4-5 Tagen ihre Sachen zu packen. Sie würden nächste Woche abgeholt und nach Tramm gebracht. Wütend blockierten die Flüchtlinge den Waldweg und forderten, daß diese Entscheidung zurückgenommen wird. Die Behördenvertreter riefen die Polizei, die ihnen dann den Weg freimachte. Tramm ist das zweite Dschungelheim im Landkreis Parchim. Es ist eine ehemalige NVA Kaserne, die ebenfalls ohne Nahverkehrsanbindung zehn Kilometer vom nächsten Ort entfernt im Dschungel von Mecklenburg-Vorpommern liegt. Dort sind ca. 400 Flüchtlinge untergebracht. Die drei Wohnblöcke und einige halbeingestürzte Schuppen sind von Draht umzäunt, am Eingangstor sitzten zwei Wachmänner, die jeden Besuch kontrollieren und die Personalien aufnehmen. Viele der Flüchtlinge in Tramm erhalten auch weiterhin statt Bargeld nur Wertgutscheine, die angeblich in Mecklenburg-Vorpomern abgeschafft wurden. Hinter den Wohnblöcken liegen Bunkeranlagen und Schrott aus den Zeiten als der Ort noch vom Militär genutzt wurde. Die Bewohner haben Angst. Sie wissen nicht, ob und welche Gefahrenstoffe, Chemikalien, Munition, Blindgänger, etc dort noch liegen. Auch herrscht in trockenen Sommern Angst vor Waldbränden, denn Tramm ist genauso wie Peeschen eine Lichtung umschlossen von dichtem Wald. Kommt es dort zum Waldbrand, gibt es für die Menschen dort wenig Chancen. Auch hier ist das Schlimmste die totale Isolation. Bei einem Besuch einer Delegation der Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen versammelten sich die meisten der dort lebenden Frauen, Männern und Kindern vor den Wohnblocks und skandierten: "No more Tramm!" Einige hielten Schilder hoch mit Aufschriften: "Ich hab genug vom Wald, weil ich kein Tier bin!", "Scheiß Tramm, wir sind keine Tiere" oder "Du darfst nicht mit Deutschen wohnen, weil du Ausländer bist!" Die Flüchtlinge aus den Dschungelheimen in Tramm und in Peeschen haben sich jetzt zusammengeschlossen und erklären, daß sie bis zur Schließung beider Lager kämpfen werden. Sie fordern entweder eine Gemeinschaftsunterkunft in einer Stadt oder die Erlaubnis sich Wohnungen zu suchen. Sie klagen die Regierung und die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern und im Landkreis Parchim an, ihr Leben und das Leben ihrer Kinder aufs Spiel zu setzten. 100% staatlicher Rassismus versteckt und präsentiert sich in den Wäldern der Mecklenburger Seenplatte.

25.01.2004 Karawane Nord